Zwei Autoren erhalten dieses Jahr Jugend-Dramatiker-Preis

Der mit 20.000 Euro ausgestattete Preis gehört zu den renommiertesten Auszeichnungen im deutschen Kinder- und Jugendtheater

München (sskm). Die Jury des Jugend-Dramatiker-Preises hat dieses Jahr zwei Preisträger bestimmt. Die Auszeichnung erhalten die Berlinerin Paula Fünfeck (43) mit ihrem Stück "Pinienkerne wachsen nicht in Tüten" und der Münchner Wolfgang Sréter (60) mit "MinenSpiel".

Der Jugend-Dramatiker-Preis gehört zu den renommiertesten und traditionsreichsten im Kinder- und Jugendtheater in Deutschland. Er ist mit insgesamt 20.000 Euro ausgestattet und wird vom Kulturreferat, sowie dem Jugendkulturwerk der Landeshauptstadt München, dem Bezirk Oberbayern als auch der Stadtsparkasse München unterstützt.

"Die beiden Sieger werden mit jeweils 3.000 Euro des Preisgeldes prämiert. Zudem erhält das Münchner Theater, das eines der beiden prämierten Stücke zur Aufführung bringt, einen Aufführungszuschuss", so Jurymitglied Tristan Berger.

Die Jury des seit 1983 bestehenden Vereins zur Förderung des Kinder- und Jugendtheaters wählte die Sieger unter den über 100 Einsendungen aus. "Noch nie war die Qualität der Einsendungen so hoch wie bei dieser Ausschreibung", konstatiert Berger, "gut und gerne fünf Stücke hätten den Preis verdient. Daran kann man sehen, wie notwendig und erfolgreich eine kontinuierliche Autorenförderung ist. Besonders reizvoll war dieses Mal, dass wir ein Kinder- und ein Jugendstück prämieren konnten".

Jurymitglied Jürgen Flügge, Regisseur und ehemaliger Generalintendant, äußert sich zur Prämierung von Wolfgang Sréters Stück: "Das Stück von Wolfgang Sréter beschreibt eine Wirklichkeit, die häufig verdrängt wird. Die Kriege im 21. Jahrhundert sind auch die Kriege, in denen Kinder zu Soldaten gemacht werden und in denen Kinder gleichzeitig die Opfer der Auseinandersetzungen sind. Jedes Kind bei uns kennt inzwischen die Bilder dieser Kriege aus den Medien. Sréters Stück gibt keine Antworten auf die alltäglichen Schreckensmeldungen und keine Handlungsanweisungen. Es beschreibt mit großem Verständnis eine Situation zwischen einem alten Mann, dessen Lebenstraum, sein eigenes Haus, zerbombt wurde und einem Kind, das sich im Kampf ums Überleben in dieses Haus gerettet hat. Es entsteht eine exemplarische Situation auf engstem Raum, welche die aktuelle Lage von Kindern in unserem von Kriegen geplagten Jahrhundert sehr verständnisreich reflektiert. Großes Theater auf kleinstem Raum".

Jurymitglied Klaus Hemmerle, Regisseur und Schauspieler, begründet die Preisvergabe an Paula Fünfeck folgendermaßen: "Das Stück ‚Pinienkerne wachsen nicht in Tüten‘ ist ein berückendes Weltenmärchen für Kinder und Erwachsene, eine Herausforderung und eine Verlockung für das Theater. Sprachlich phantasievoll, mit anarchischem, intelligentem Humor und in einer klaren, einfachen und doch phantastischen Versuchsanordnung erzählt es eine mitreißende Geschichte voller Konflikte, in der es um nichts weniger geht als um die Rettung der Welt. Doch nie fühlt man sich pädagogisch wertvoll belehrt, man schaut herrlich wilden und lebendigen Figuren zu, die für die Schauspieler voller Spiel- und Entwicklungsmöglichkeiten stecken. Es ist der Autorin gelungen, die Kraft der Allegorie in eine sehr zeitgemäße, ungebärdige Form zu bringen, um eine hintersinnige, feine Geschichte zu erzählen".

Eine Inhaltsangabe zu den beiden preisgekrönten Stücken sowie Kurzbiographien beider Autoren finden Sie auf den nachfolgenden Seiten. Ein Telefoninterview mit den Preisträgern ist möglich. Für Auskünfte seitens des Fördervereins steht Tristan Berger telefonisch unter der Telefonnummer 01 75 - 5 24 41 66 zur Verfügung.

 

Der diesjährigen Jury gehörten an:

- Tristan Berger, Dramaturg und Autor
- Jürgen Flügge, Regisseur, Generalintendant a.D.
- Klaus Hemmerle, Regisseur und Schauspieler
- Regine Koch, "Theater & Schule" an der Bayerischen Theaterakademie August Everding
- Ingeborg Müller-Hohagen, 1. Vorsitzende des Vereins zur Förderung des Kinder- und Jugendtheaters e.V.
- Claus Peter Seifert, Regisseur und Leiter des inkunst Theatervereins München- Theater Halle 7
- Dr. Michaela Ulich, Literaturwissenschaftlerin

Wolfgang Sréter
geboren 1946 in Passau, studierte Volkswirtschaft und Soziologie in Würzburg, Regensburg und München. Er schreibt Erzählungen, Kurzprosa und Theaterstücke. Für sein schriftstellerisches Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet; er erhielt u. a. 1993 das Literaturstipendium der Stadt München, 2000 den Preis des Landestheaters Schwaben, 2005 den Literaturpreis Irseer Pegasus. Sein am häufigsten gespieltes Stück heißt "Der Jazzdirigent" und wurde im Jahr 2000 in Memmingen uraufgeführt. Weitere Stücke (Auswahl): "München - Kein Platz für den Maestro" (UA: Theaterzelt "Das Schloß", München, 2002) "Das Cabinet des Doktor Caligari" - Schauspielmusical (Komposition: Toni Matheis / R. Huber; UA: Südostbayerisches Städtetheater Landshut, 2001).
Wolfgang Sréter lebt als freier Autor in München.

"MinenSpiel"
Ein vom Krieg zerstörtes und von seinen Einwohnern verlassenes Dorf in den Bergen mit Blick auf das Meer. Ein Mann haust in einer Ruine, in die er alles, was im Dorf an Verwertbarem zu finden war, gebracht hat. Er führt Selbstgespräche. Oder spricht er mit dem Jungen, der ihn seit Tagen heimlich beobachtet? Irgendwann findet der Mann den Jungen ohnmächtig auf dem Grundstück. Er hat eine Verletzung am Bein, die von einem Schuss, einer Mine, aber auch von einem Sturz vom Baum herrühren könnte. Der Mann pflegt ihn, und als er wieder gesund ist, bleibt der Junge bei ihm. Das Zusammenleben bringt es mit sich, dass sie über die Geschichte des jeweils anderen langsam mehr und mehr erfahren. Es entsteht eine zerbrechliche Idylle der gegenseitigen Hilfe. Gegen Ende des Sommers wird der Mann schwächer und schwächer. Er erzählt dem Jungen, dass er lange Jahre in einem anderen Land gelebt hat. Die Familie des Mannes lebt noch in diesem anderen Land. Mit einem Brief des Mannes macht sich der Junge drei Tage nach dessen Tod auf den Weg.

Paula Fünfeck
(alias Irmelin Gödecke) wird 1963 in Hildesheim geboren. Sie studiert an der HfMT Hamburg im Hauptfach Gesang (Mezzosopran) mit anschließender Opernklasse. Erste Engagements erhält sie an der Hamburger Oper und am Staatstheater Braunschweig. Von 1994 bis 1997 arbeitet sie am Staatstheater Oldenburg und bekommt Gastverträge am Tiroler Landestheater Innsbruck und am Staatstheater Braunschweig. Ab 1999 macht sie sich einen Namen als Autorin und Übersetzerin von Hörspielen und Theaterstücken für Kinder und Jugendliche (z.B. Goldonis "Diener zweier Herren"); außerdem führt sie Regie. So inszenierte sie "Herzstück" von Heiner Müller im Rahmen des Sächsischen Theatertreffens 2004. Für "Pinienkerne wachsen nicht in Tüten" erhielt sie dieses Jahr den erstmals vergebenen Innovationspreis des Heidelberger Stückemarkts.
Paula Fünfeck hat zwei Kinder und lebt mit ihrer Familie in Berlin Prenzlauer Berg.

"Pinienkerne wachsen nicht in Tüten"
Im Paradiesgarten ist es noch leer. Der kleine Herr Grand erdenkt sich seine Welt. Was ist am stärksten: die Ameise, die Sonne oder ein Pinienkern? Vor lauter Grübelei guckt Herr Grand Löcher aus der Luft, die sich zu blauen Häufchen türmen. Vielleicht ist ja ein Bär am stärksten? Kaum gedacht, erscheint der Bär. Und er ist so wütig stark, daß er aus dem einzigen Pinienbaum Kleinholz macht. Pinienkerne gibt's doch in Tüten, denkt der Bär und trottet zum Kaufmannsladen, den sich Herr Grand für sein gut funktionierendes Paradies auch schon ausgedacht hat. Aber wo soll der Kaufmann, ein Kerl, so ängstlich, listig wie bärenschmackhaft zugleich, Nachschub in die Tüten holen, wenn es den Baum nicht mehr gibt? Grands Schöpfung entwickelt ein Eigenleben, das bald außer Rand und Band gerät. Alles mögliche und unmögliche muss geschehen und viel dünnbeinige Zeit vergehen, bis der Bär begreift, dass seine Lieblingsspeise nicht in den Tüten des Kaufmanns wächst. Auf wundersam verzaubernde und lustige Weise entwickelt Paula Fünfeck eine Geschichte von Kreisläufen und Zeitläufen. Naiv und absolut logisch ergibt sich eins aus dem anderen. Mit poetisch konzentrierter, rhythmischer Sprache werden Natur- und Gesellschaftszusammenhänge plastisch, die undidaktisch vermitteln, welche Verantwortung und Liebe notwendig ist, um das komplexe Gefüge Welt zu erhalten.

 
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